Überlegungen zur Funktion der Kunst nach den Attentaten in Norwegen

Die Attentate in Norwegen haben mich ganz sprachlos gemacht und ich muss immer noch weinen, wenn ich an die Jugendlichen denke, die auf einer Insel von einem Mann mit Waffen gejagt werden, lange Minuten ohne Hilfe. Dagegen ist ein Attentat mit Bomben – so ironisch sich das auch anhört – vergleichsweise human, da es den Horror zumindest zeitlich verkürzt.

Es ist schlicht unvorstellbar, das Menschen zu solchen Taten fähig sind.  Woher kommt diese zerstörerische Wut? Und warum muss sich diese Wut gegen Menschen, andere Individuen, richten? Warum nicht gegen die Götter, die angeblich verteidigt werden? Welche anderen Möglichkeiten gibt es, mit diesem Zorn umzugehen? Ich glaube, alle kennen das Gefühl, ungerecht behandelt worden zu sein. Jeder von uns war schon traurig, verletzt, wütend, zornig, hat rot gesehen, hätte sich gerne mit martialischen Mitteln gewehrt. Aber fast alle finden ein Ventil für ihre Wut, lernen, mit ihr umzugehen, sie zu verarbeiten, ohne anderen damit zu schaden.

Die Kunst ist in ihrer Funktion als Beschäftigung der Sinne – also als Praxis – ein Werkzeug dabei. Ein Weg, Unverständliches zu kommentieren, sich damit auseinanderzusetzen, das die Welt so ist, wie sie ist. Das Ungerechtigkeit vorkommt.

Wenn dieser Attentäter aus Norwegen (dessen Namen ich nicht nennen möchte, um ihm nicht noch mehr Raum zu geben) statt seiner jahrelangen akribischen Planungen eine Skulptur geschaffen hätte, dann wäre sie vielleicht hässlich geworden, aber nie so hässlich wie seine Taten. Sie hätte ihm geholfen, mit seinem Frust und seinen Träumen von einer heilen 50er-Jahre-Welt fertig zu werden.

Ich weiß nicht, ob Kunst als Form der Auseinandersetzung mit menschlichen Gefühlen imstande ist, Hilfe für derart verwirrte Menschen zu leisten, aber ich befürchte, das es viele Menschen gibt, die an einem Abgrund stehen und das es scheinbar immer mehr werden. Deshalb wünsche ich mir, das sie einen Weg finden, sich anders als durch Waffengewalt auszudrücken.

Eine Grundvoraussetzung dafür ist, das die Kunst sich noch weiter als bisher aus dem Elfenbeinturm in die Mitte der Gesellschaft bewegt und dort als selbstverständlich wahrgenommen wird, wie Bücher, die gelesen oder Musik, die gehört wird. Durch das Internet bzw. die neuen Medien ist das schon weit mehr als noch vor ca. 20 Jahren gelungen. Dennoch klafft immer noch ein großer Spalt in der Bewertung von Kunst.

Ein 12jähriger Junge hat mich einmal gefragt: „Was ist eigentlich das Gegenteil von Kunst? Ist es Krieg?“

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